Stratege, Kunst- und
Kulturmäzen, Kriegsverbrecher, Weiberheld, Gesetzgeber und Justizmörder - ein
ruheloses Genie?
200 Jahre sind
vergangen – man denkt, es ist über Kaiser Napoleon I. von Frankreich alles
gesagt. Über den Feldherrn wird bis in die Schulen mit „Caesar, Napoleon und
Hitler" – in den alten Gymnasien noch mit „Alexander, Caesar und Napoleon"
wenigstens ein klein wenig korrekter und fairer - die Reihe der aggressivsten
Eroberer aufgezählt, er habe sich zum Kaiser gekrönt und damit die französische
Revolution rückgängig gemacht, letztlich habe ihn das „erwachende
Nationalbewusstsein der Völker" verdient hinweggefegt, die „alte Ordnung wurde
wieder hergestellt" und es konnte „jahrzehntelang der Frieden gesichert
werden".
Nichts daran ist
wahr, am widerlichsten aber ist der Vergleich mit Hitler: Immer wenn
Geschichtsschreiber – und jetzt vermehrt auch Politiker – das allgemeine
Desinteresse durchbrechen wollen, muss eine Verknüpfung mit dem
Nationalsozialismus herhalten, sei sie auch noch so haltlos und unseriös.
Dabei ist es die
Frage, ob es lohnt, sich heute noch mit Napoleon zu beschäftigen. Die Antwort
darauf lautet eigentlich Nein: Für den persönlichen Informationsstand zur
ernstzunehmenden Teilnahme am öffentlichen Leben, vor allem an Wahlen bringt es
wenig, zur verbesserten Beurteilung des unmittelbar aktuellen internationalen
Geschehens kann es kaum etwas beitragen. Will man aber in die Tiefe, den Wurzeln
der Menschen- und Bürgerrechte, der Demokratie nachspüren – dann kommt man um
die Ereignisse und die schillernde Persönlichkeit nicht herum. Und plötzlich
wird doch auch vieles aus dem Tagesgeschehen besser beleuchtet,
selbstverständlich erscheinende Werte und Rechte bekommen neues Gewicht.
Denn was aus
dieser Zeit wirklich wertvoll geblieben ist – sind Ideen. Ideen, die leider bis
heute nicht überall auf der Welt durchgesetzt werden konnten.
Unfasslich aber
ist es, dass bis heute keine ausgewogene Darstellung und Beurteilung der Ära
der französischen Revolution und der unter Napoleon folgenden Umsetzung in
staatliche Institutionen und öffentliches Leben durch die beamtete wie auch
unabhängige Geschichtsschreibung unternommen wird.
Wie auch immer,
und welchen Zugang auch immer wir selbst haben, uns hier mit Napoleon zu
befassen – eigentlich wäre es an der Zeit, dass wir uns von den
monarchistischen Propagandadarstellungen des 19. Jahrhunderts endlich lösen und
mit genauer, nüchterner Forschung über diese Zeit beginnen. Doch seit vielen
Jahren wird vor allem in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung nur noch
abgeschrieben, Gesamtdarstellungen bleiben notgedrungen an der Oberfläche ohne
jede eigene Prüfung der herkömmlichen Behauptungen, Publikationen selbst auf
höchstem akademischem Niveau werden schnellstmöglich – und entsprechend ohne
eigenes Bemühen um Überprüfung der hergebrachten Darstellungen – von älteren
Publikationen abgeschrieben. Und wer beschäftigt sich schon mit dieser Zeit?
Meist Leute, die ihre eigenen Vorstellungen bestätigt finden wollen, selbst
bewusst oder ein wenig unbewusst monarchistischer Nostalgie anhängen. Und so
werden die alten, aber völlig unzutreffenden Klischees und Fehlinformationen
immer weitergetragen, in den Schulunterricht selbst des 21. Jahrhunderts, in
neueste museale Darstellungen und Führungen, in Universaldarstellungen der
Geschichte oder auch in Länderdarstellungen. Ganz besonders aber im endlosen
soziologischen oder politologischen Geschwafel, in der sich vor allem die
beamtete Geschichtswissenschaft der letzten 30 Jahre gefällt, von Fakten,
Tatsachen, Ereignissen und Quelldokumenten unbelastet „interpretierend", was
ins vorgefertigte Weltbild passt, Hauptsache, ein „Diskurs" über sozialistische
Ansätze kann als Pflichtübung in die Publikation gezwängt werden.
Stützen wir uns
auf Fakten und Quelldokumente – die aus dieser Zeit höchster Schriftlichkeit
nahezu im Übermaß vorhanden sind – sowie ausschließlich auf überprüfbare
Feststellungen, so bricht das herkömmliche Bild Napoleons vom egomanischen
Aggressor, der ganz Europa unter sein Joch zwingen will und nur vom – womöglich
berechtigten – Widerstandskampf Englands am Griff nach der Weltherrschaft
gehindert werden kann, schnell in sich zusammen.
Der ungebrochenen
Flut an einseitigen - aus Unachtsamkeit, Unfähigkeit oder gar absichtlich
monarchistischer Motivation nur die propagandistische Geschichtsschreibung der
letzten 200 Jahre wiederkäuenden - Darstellungen einen Versuch der
„Wahrheitsfindung" – so wenig dieses Ziel auch erreicht werden kann, muss es
doch die Zielsetzung historischer Forschung sein – entgegen zu stellen,
unternimmt hier im Internet das vorliegende freie Publikationsprojekt. Vor
allem die Bibliographie als Hilfestellung für am Thema Interessierte soll als
erstes zur Verfügung gestellt werden, die Themenstellung der ersten Reihe der
in Ausarbeitung stehenden Detaildarstellungen einen Ausblick auf das
Gesamtunternehmen geben. Die Ergänzungen erfolgen laufend und der
Entwicklungsstand ist am jeweiligen Datum der letzten Ergänzung ablesbar. Erste
Schwerpunkte werden jeweils zu den besonders kontroversiellen Fragen gesetzt
sowie zu den Themen, die im Internet und in der Literatur bisher wenig oder
besonders verfälscht dargestellt werden.
Alle hier vorgelegten
Texte sind zur weiteren Verwendung freigegeben, dankbar wäre ich für einen
kurzen Hinweis, wofür die Verwendung erfolgt (Erreichbarkeit: wbwien@nextra.at)
Martin WALTER
Wien, im August 2004
Das Bild Napoleons in der Geschichte
"Kann man mir etwas vorwerfen, was nicht von einem
Historiker gerechtfertigt werden könnte?"
Napoleon auf St. Helena
Diesen Standpunkt
Napoleons selbst kann man nun konstruktiv, als Aufforderung zu historischer
Genauigkeit und Ausgewogenheit, oder als bösen Zynismus verstehen: Einerseits
kann der desillusionierte Machtmensch und Menschenkenner gemeint haben, dass
Geschichtsschreiber ohnehin dazu neigen, nur ihre persönlichen Vorstellungen zu
argumentieren und alle nicht ins Bild passenden Fakten zu ignorieren; dann gäbe
es praktisch keinen Vorwurf an Napoleon, den nicht ein Historiker mit
irgendeinem noch so an den Harren herbeigezerrten Argument halbwegs plausibel
erklären könnte.
Oder aber der
verbannte Imperator hatte unendliches Vertrauen in die sorgfältige Arbeit
künftiger Geschichtsforschung und meinte – als Aufforderung und als Auftrag von
seiten des selbst historisch immer höchst interessierten
„Geschichtskonsumenten" -, dass zu allen Vorwürfen ehrlich detailreiche
Geschichtsforschung all die Argumente und Tatsachen zu finden und einsichtig
darzustellen in der Lage sein müsste, die ihm die jeweiligen Entscheidungen
unumgänglich gemacht haben.
Napoleon hat
seinen ersten Auftritt in der Geschichte, sozusagen tatsächlich
„geschichtswirksam" oder „geschichtsbildend" – während er vor Toulon zwar an
wichtigen Ereignissen federführend teilnimmt, jedoch untergeordneter Offizier
bleibt -, als wirklich politisch handelnde Persönlichkeit eigentlich erst durch
Zufall bei seinem Einschreiten an der Seite von Barras gegen den royalistischen
Aufstand in Paris an 5. Oktober 1795. Er selbst hat sich so ein einwandfreies
republikanisches Zeugnis erworben, für uns selbst als Beobachter über die
Zeiten hinweg ist eine völlig neutrale Position angebracht: Ob der Aufstand
berechtigt war, ob die Geschichte eine andere Abzweigung hätte nehmen sollen,
all das bleibt persönlicher Meinungsbildung vorbehalten; hat aber in der
Tatsachendarstellung über die Zeit nichts verloren. Und als zweite Anmerkung
ist angebracht, dass die ungeheuer schnelle Abfolge der Ereignisse im Zug der
„Französischen Revolution" auch sehr schnell den Überblick verlieren lässt,
jedoch ist der Überblick für ein Verständnis der Ereignisse und vor allem für
die Bewertung unerlässlich.
Dass er in Folge
anstelle von Barras zum Kommandanten der Armee des Inneren aufsteigt und bald
darauf mit dem Kommando in Italien betraut wird, ist sicherlich auf diese enge
Bekanntschaft mit den führenden Leuten der Revolution zurück zu führen, der
Verkehr in den auch privaten Kreisen dieser Leute – wo er auch Josephine kennen
lernt – war sicherlich hilfreich, jedoch heißt es die Intelligenz und auch die
Kompetenz der führenden Revolutionäre –
vor allem eines Carnot! -inakzeptabel zu unterschätzen, wenn man das
Italienkommando ausschließlich dem Einfluss von Josephine zuschreibt.
Gerade die Zeit
in Italien ist es aber, die auf der Suche nach dem hemmungslosen,
kriegslüsternen „Despoten" wichtig erscheint, denn während der Krieg gegen
Österreich weitgehend diesem selbst zuzuschreiben ist, jedenfalls aber ab 1792
kein „napoleonisches" Phänomen ist, erscheint manche Aggression in Italien
tatsächlich ihm anzulasten. Doch wie so oft rund um Napoleon: Die Vorwürfe halten
nicht. Speziell der Griff nach Venedig wird immer wieder als Beispiel
napoleonischer Aggression bemüht, doch geht man in die Tiefe der tatsächlichen
Ereignisse, so ist zu erkennen, dass zuerst der österreichische Kommandant
Beaulieu venezianisches Territorium verletzt, eine Festung als Stützpunkt
besetzt hat, und erst dann Napoleons Reaktion Venedig zum Kriegsschauplatz und
zum Spielball der Neuordnung in Italien – nicht zuletzt wieder auf Betreiben
der habsburger Diktatur - gemacht hat. Und ähnlich ist es mit anderen
italienischen Staaten, die zuerst von sich aus in den Krieg gegen die
Revolution eingetreten sind, sich daher die – zugegeben unerwarteten und
weitreichenden – Folgen selbst zuzuschreiben haben. Ganz ähnlich sind die Dinge
dann auch in Neapel und Portugal verlaufen.
Dazu kommt noch,
dass wir von der herkömmlichen Geschichtsschreibung völlig auf die angeblich
legitimen Staaten dieser Zeit festgelegt werden, während in Wirklichkeit in
allen diesen Staaten, auch in der monarchistischen Diktatur der Habsburger und
der Hohenzollern, ebenso der Romanows, der Hannoveraner in Großbritannien, der
Familienzweige der Bourbonen und des Papstes, bereits deutlich erkennbare
Gruppen in der Bevölkerung eine demokratische, oft auch republikanische
Staatsform vertraten, und die Gelegenheit des Kriegs der herrschenden
Adelsoligarchien gegen die französische Revolution nutzten, um neue Staatformen
ins Leben zu rufen. Auch hier sind wir aufgerufen, nicht die Geschichte zu
verfälschen, aber Stellung zu beziehen. Die alten monarchistischen Diktaturen
Europas sind um keinen Deut legitimer als die Herrschaft Napoleons – dort wo er
immer wieder bis zuletzt plebiszitäre Legitimation gesucht hat, ist sein Regime
sogar noch sehr viel berechtigter.
Wenn auch
Napoleon in der Neuordnung Italiens bereits zum politisch selbständig
Handelnden wird – wenn er auch keineswegs seine Kompetenzen dabei
überschreitet, wie unterstellt wird, denn höchstrangige Frontkommandeure der
damaligen Zeit hatten durchaus immer wieder, schon aufgrund der endlosen
Kommunikationswege, die Berechtigung zu Waffenstillstandsverhandlungen -, so
ist der große Rahmen der Ereignisse nach wie vor kein „napoleonischer". Die
neuen Staatsinstitutionen in Paris und die alten Diktaturen andererseits leiten
das Geschehen bis 1799, daran gibt es keinen Zweifel. Und so ist auch das
ägyptische Abenteuer, angeblich erster Ausdruck von „despotischem Cäsarenwahn",
eine strategisch betrachtet so dumme Sache nicht, geht auch auf ein
anti-englisches, strategisches Memorandum Napoleons zurück, hätte aber auch
ohne breite Zustimmung in der französischen Führung nicht zustande kommen
können.
Eine direkte
Eroberung Englands war zu diesem Zeitpunkt nicht durchführbar, daher einen
Nebenkriegsschauplatz zu suchen und dort englische Interessen zu bekämpfen ein
recht logischer Ansatz – vor allem gemessen an der entscheidenden Rolle, die
lange Zeit nicht englisches Militär, sondern englisches Geld gespielt hat.
Tatsächlich hatte England zu diesem Zeitpunkt große militärische Schwierigkeiten
in Indien, und ein wesentlicher Teil des französischen Expeditionskorps unter
Napoleon hätte ja über Suez nach Indien übersetzen sollen, um die indischen
Truppen unter Tipu Sahib zu unterstützen. Dass der mehr als berechtigte
indische Kampf gegen die britische Kolonialmacht zu schnell zusammenbrach, hat
diesen Zug verhindert. Dazu kam der Verrat Talleyrands, der die Intervention im
Ägypten der Mamelucken gegenüber dem türkischen Sultan hätte vertreten, am
besten auch gleich die Osmanen oder auch die Perser für einen gemeinsamen Zug
gegen Indien hätte gewinnen sollen, dies aber eigenmächtig, entgegen den
Absprachen unterlassen hat. Mit der bekannten Folge des Kriegseintritts der
Hohen Pforte auf der Seite Englands.
Doch wie immer
man auch diese Ereignisse betrachten mag: Der politisch Verantwortliche dafür
ist Napoleon zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht. Allerdings kommt es nach dem
Sieg von Jaffa zu einem so üblen Vorfall, dass dies vielleicht eines der
wenigen wirklichen Verbrechen Napoleons war: Bereits in den Kämpfen vor dem
Syrienzug ist es mehrfach vorgekommen, dass Gefangene auf Ehrenwort, sich nicht
mehr an den Kämpfen zu beteiligen, entlassen wurden. Nur fanden sich unter den
wahrscheinlich rund 3000 Gefangenen, türkisch-mamelukischen Verteidigern von
Jaffa rund 400 Leute, die bereits einmal gegen Ehrenwort entlassen worden
waren. Natürlich ist es auch als zumindest naiv anzusehen, dass Kämpfer unter
einem schrankenlos despotischen Regime wie der Osmanen – das Foltergefängnis
der „Sieben Türme" ließ sogar ausländische Botschafter an der Hohen Pforte und
vielleicht auch Talleyrand selbst die Nerven verlieren – sich einfach wegen
einer Zusage an „Ungläubige" aus dem Krieg zurückziehen hätten können.
Gleichzeitig hatte die französische Armee angeblich keine Möglichkeit,
Gefangene zu verpflegen, und so entschloss sich Napoleon, ganz gegen seine
Gewohnheit nach einem Kriegsrat, den Befehl zur Hinrichtung aller Gefangenen zu
geben. Nun ist natürlich die Erklärung und der Hinweis auf den Gewissenskonflikt
historisch von großem Interesse, doch ändert es nichts an der Sachlage. Und je
nachdem welchem Wertesystem man sich verpflichtet fühlt: Doch vom heutigen
Standpunkt aus ist dies als schwerwiegendes Verbrechen an Hilflosen,
„Anvertrauten", zu werten; diese Ereignisse machen Napoleon zum
Kriegsverbrecher – wenn auch die Zeit damals dies nicht so gesehen hat;
ebensowenig wie die völlig ungerechtfertigte Bombardierung der zivilen
Stadtviertel Kopenhagens durch Wellington und Nelson, um Dänemark zur schnellen
Kapitulation zu zwingen.
Und der
Syrienfeldzug zwingt noch einmal mehr zu historischer Korrektur: Bis heute wird
die Propagandalüge nachgebetet, Erzherzog Karl hätte im Kampf gegen Napoleons
Donauüberquerung 1809 den ersten Sieg über den „Unüberwindlichen" errungen.
Tatsache ist, dass ein nahezu unbekannter türkischer Kommandant, Djezzar
Pascha, in Kooperation mit dem englischen Geschwaderkommodore Sydney Smith bei
Akko Napoleons erste Niederlage im Feld erreicht hat. Doch Papier in
Geschichtsbüchern scheint besonders geduldig zu sein.
Die wirkliche Ära
Napoleons – und man sollte nie vergessen, dass es keine Herrschaft eines
einzelnen gibt, sie nicht geben kann; immer müssen viele profitieren und sich
einbringen können, sonst hätte Herrschaft keinen Bestand – beginnt mit seiner
Rückkehr aus Ägypten und dem „Staatstreich". Doch gerade hier wird deutlich,
dass Napoleon ein Getriebener ist, dass viele andere ihn an die Spitze stellen,
weil die politische Situation im Land unhaltbar geworden ist, die Probleme den
Verantwortlichen über den Kopf wachsen, und man mit einem volkstümlichen
Aushängeschild an der Spitze der Lage Herr zu werden sucht. Napoleons selbst
macht im Zug des Umsturzes eine eher lächerliche Figur, wird benutzt, und
erkennt erst deutlich später, was sich aus der Situation machen lässt.
Legendär sind
auch seine Sexgeschichten. Dabei wirkt er in Wort und Schrift gegenüber Frauen
eher linkisch. Die in jeder Hinsicht gewandte und erfahrene Josephine war
offenbar wirklich seine große Liebe. Darin ist er tief enttäuscht worden.
Danach war wohl nur die Beziehung zu Maria Walewska eine sehr tiefgehende
menschliche Beziehung, alle anderen Geschichten haben mehr den Charakter von,
wie wir heute sagen würden, „Groupies", Groupies der Macht und des Geldes. So
hat er sich verhalten, und so haben sich auch, so weit sich das über die beiden
Jahrhunderte hinweg nachvollziehen lässt, auch die Frauen verhalten. Wie
Napoleon selbst wohl nur in wenigen Augenblicken ein wirklich sympathischer
Mensch war, so wirken auch diese Geschichten immer wieder unsympathisch,
gekauft.
Eigenartig hat sich die Ehe mit der jungen Habsburgerin entwickelt. Was
zuerst ein hässliches politisches Geschäft war, hat sich, besonders nachdem
sein wirklich großer Wunsch nach einem berechtigten Erben in Erfüllung gegangen
ist, zu echter Zuneigung entwickelt, beiderseits, wie manches Dokument zu
belegen scheint.
Gleichzeitig
beginnen in dieser Phase seine größten Leistungen, beendet er nicht die
Revolution, sondern bringt die Staatsformen hervor, die die neuen Grundsätze
erst in tagtäglich brauchbaren Abläufen und Institutionen zementieren, in
Schulen und unabhängigen, öffentlichen Gerichten, in Gewerbe und Handel.
Wegweisend sind seine Bauprogramme im Straßenbau und durch die Binnenkanäle, etwa
bei Saint-Quentin - Aufträge nicht zuletzt zur erfolgreichen Bekämpfung der
hohen Arbeitslosigkeit, also der Schritt hin zu aktiver Wirtschaftspolitik -,
die Durchsetzung der inneren Sicherheit landesweit, das Bauprogramm in Paris
mit den vielen, noch heute großartigen Gebäuden des Empire, der Aufbau einer
verlässlichen Lebensmittelversorgung – nicht zuletzt in Kooperation mit den
USA. Also eine „Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik" in nahezu moderner Form.
Doch bedingt
dieser Schritt an die vorderste Stelle auch, dass er in den Mittelpunkt der
anhaltenden Umsturz- und Restaurationsversuche gerät, die Frankreich zu diesem
Zeitpunkt immer noch heimsuchen. Attentate konzentrieren sich auf den neuen
Machtinhaber, den tatsächlich vielversprechenden Hoffnungsträger der Zukunft.
Nach gescheiterten Versuchen der emigrierten Bourbonen, ihn zum
Steigbügelhalter ihrer Rückkehr nach Frankreich zu machen, gerät er ins Visier
der gewaltsamen Auseinandersetzung. Umfassende Polizeieinrichtungen, eine
genaue Beobachtung und Kontrolle der Agitation in den Zeitungen – wesentliche
andere Medien gab es ja nicht, und in den Kanzelpredigten wurde ohnehin
kirchlicherseits gegen das Regime getan, was möglich war – waren die Reaktion,
dazu die Zerschlagung der Jakobiner und letztlich, als demonstrative Absage an
jedes mögliche Bündnis mit der alten Macht in Frankreich, die Verhaftung des
Herzogs von Enghien. Ein Aufschrei soll damals durch Europa gegangen sein, als
ungeheuerlicher Rechtsbruch ist Napoleon das ausgelegt worden. Und fast hatte
es schon den Anschein, als würden diese Vorwürfe halten, wenn auch berechtigt
davon auszugehen ist, dass der Aufschrei lediglich in einigen Machtzentren der
alten Diktaturen zu hören war, hingegen zumindest 90 Prozent aller Europäer die
ganze Sache völlig gleichgültig war.
Doch der Vorwurf
von Rechtsbeugung und Justizmord ist natürlich für einen Regierungschef
schwerwiegend. Aber wiederum stellt sich bei genauer Untersuchung der Sache
heraus, dass der Herzog sehr wohl in konspirative Umsturzversuche verwickelt
war. Dazu kommt, dass nach damaliger Rechtslage er auch bei Aufenthalt im
Ausland als französischer Staatsbürger den französischen Gesetzen unterlag,
auch verhaftete werden konnte. Übrig bleibt hierzu also nur die Frage, ob der
Zugriff von Militär auf dem Territorium Badens international rechtskonform war
– es mangels internationaler Polizei möglicherweise keine andere Vorgangsweise
gab; und wie wäre andererseits die Beherbergung eines konspirativen Attentäters
durch eine Nachbarstaat einzustufen? Letztlich eine bis heute drängende, aber
kaum gelöste Frage.
Zum Kern der Sache hat Enghien selbst in seinem Verfahren vor dem
Militärgericht vertreten, dass er es regelrecht als seine Aufgabe betrachtet,
in Frankreich einen Umsturz zurück zur alten Ordnung herbeizuführen –
zweifellos ein tapferer Mann von großer Ehrlichkeit und Direktheit bis zuletzt.
Auch Schritte zur Erreichung dieses Zieles wurden gesetzt, englisches Geld zur
Finanzierung der Machenschaften genommen. Und für diese Dinge – nicht wegen des
Attentats in Paris – wurde der Herzog rechtskonform zum Tod verurteilt und
hingerichtet. Napoleon hätte in dieser Sache nur ein Begnadigungsrecht gehabt,
und in anderen Fällen hat er davon auch häufigen Gebrauch gemacht. Man kann ihm
also vorwerfen, er hätte auch in diesem Fall – oder besonders in diesem Fall;
aber warum eigentlich? – eine Begnadigung aussprechen müssen. Noch im Exil
schlägt er sich mit dieser Frage herum, kommt aber immer wieder zur
Schlussfolgerung, dass dieses abschreckende Beispiel notwendig war, um den
Umtrieben und innenpolitischen Unruhen, den Attentaten ein Ende zu machen. Das
soll auch, zeigen die Dokumente der Zeit, so eingetreten sein, die weiteren
Attentate wie in Schönbrunn 1809 waren anders motiviert; was aber eigentlich
auch wieder unverständlich ist, denn wenn Enghien nichts mit den Attentaten zu
tun hatte, warum wurden sie dann nach seinem Tod eingestellt? Nur weil die
übrigen französischen Bourbonen Angst hatten, zur Rechenschaft gezogen zu
werden? Wenig einsichtig.
Bald nach diesen
Ereignissen versucht Napoleon auch in friedlicheren Phasen, die über Europa
hinausreichenden Angelegenheiten Frankreichs zu ordnen, speziell die Kolonien
in den Griff zu bekommen. Von Spanien wird dessen Territorium in Nordamerika
unter dem Begriff „Louisiana" übernommen – was von den jungen USA als Bedrohung
empfunden wird -, als militärisch unhaltbar aber an die USA gegen finanzielle
Entschädigung abgetreten. Besonders hässlich und möglicherweise für manchen
ungeheuerlichen Standpunkt Napoleon entlarvend zeigt sich aber der Verlauf der
Ereignisse in Saint Domingue: Nach der Aufhebung der Sklaverei durch den
Konvent 1794 wurden die dortigen Afroamerikaner frei, bildeten eine ungeheuer
interessante „Eigenstaatlichkeit", übernahmen auch die von Spanien und England
abgetretene Hälfte des Inselterritoriums und bewegten sich unter der Führung
des schwarzen Gouverneurs und Brigadegenerals Toussaint L´Ouverture in Richtung
einer Staatsgründung. Dem stellte Napoleon eine Strafexpedition unter dem
Kommando seines Schwagers Leclerc entgegen. L´Ouverture wurde in eine
hinterhältige Falle gelockt und als Aufrührer verhaftet, in Frankreich
verurteilt und ist wenig später in der Festungshaft im Jura gestorben. Der von
Napoleon bewilligten Wiedereinführung der Sklaverei in den Kolonien – Dokumente
dazu waren leider noch nicht zu entdecken; auf jeden Fall eine widerliche und
zutiefst verdammenswerte Entscheidung auf Druck der weißen Pflanzer dort –
wurde vorerst nicht nachgekommen, das erhebliche französische Expeditionskorps
von 35 500 Mann von Kämpfen und vor allem Krankheiten bis auf 2000 Mann nahezu
aufgerieben. L´Ouvertures Nachfolgern
gelang dann die Unabhängigkeit, als erstem Staat in Lateinamerika. Napoleon steht
jedenfalls durch diese Affäre als Sympathisant der Sklaverei da, und so kann es
mit seinem persönlichen Verhältnis zu den großen Fragen nach Freiheit und
Gleichheit der Menschen wirklich noch nicht weit her gewesen sein. Seine
Intervention auf Hispaniola wird von manchen Historikern – als Vergleich in
vieler Hinsicht unzulässig, doch mit einiger Prägnanz – als „Napoleons Vietnam"
dargestellt.
Ein kniffliges
Problem ist nun das Kaiserreich Napoleons, widerspricht doch diese Krönung so
ganz offensichtlich den revolutionären und republikanischen Zielsetzungen.
Entspricht der Vorwurf, die Revolution verraten, rückgängig gemacht zu haben,
doch der Wahrheit? Nun, hier werden wir in sehr diffizile verfassungsrechtliche
Fragen verwickelt. Im Vordergrund steht ein sprachliches Missverständnis. Wir sollten
nicht unterschätzen, dass damals das römische Vorbild noch sehr stark verankert
war in politisch denkenden Köpfen. Tatsache ist, dass die direkte Übersetzung
des „Empereur" mit dem deutschen Begriff „Kaiser" schon in die falsche Richtung
führt. Was die Menschen damals, die politisch führend engagierten ebenso wie
die einfachen Leute – nur zu verständlich - wollten, war eine Beruhigung der
Lage, die Sicherung stabiler Verhältnisse. Manchen schien das ja durch die
Rückkehr der Bourbonen nach Paris erreichbar, andere sahen eben in der Berufung
eines mit sehr weitgehenden Vollmachten ausgestatteten „Imperators" die Lösung.
Dieser „Inhaber der Vollmachten" sollte auf gesetzlicher Basis und von
gewählten Gremien kontrolliert zügig die nötigen Einrichtungen und Maßnahmen
treffen. Nichts anderes hat Napoleon getan, von der Stabilisierung der Währung
und des Staatshaushalts über die Institutionalisierung der Rechtsprechung bis
zur Entschärfung der militärischen Aggressionen gegen den neuen Staat.. Im
römischen Vorbild sollte ein solcher Imperator möglichst schnell nach
Bewältigung der Krisensituation wieder abtreten. Ob es für eine Demokratie –
damals natürlich in Frankreich nur ansatzweise gegeben – auch möglich ist,
einen solchen „Inhaber der Macht" wegen ungeheurer Erfolge auch mit Erbrecht
auszustatten, ist natürlich eine extreme Frage. Kann eine Demokratie ihre
eigene Auflösung beschließen? Das ist an sich eine verfassungsrechtlich und
verfassungsgeschichtlich interessante Frage. Kann ein solcher „Imperator" in
sinnvollem verfassungsrechtlichem Gleichgewicht zu Kontrollorganen gehalten
werden? Manche empfinden das Amt des US-Präsidenten als eine derartige
Konstruktion. Und für absolute Notfälle haben wir ja auch in Deutschland und
selbst in Österreich in den Vollmachten des Bundespräsidenten vorgesehen,
ansatzweise ein sehr starker Krisenmanager zu sein.
Das Amt des
französischen „Empereurs" war jedenfalls sicher kein Kaisertum im deutschen
Sinn, nicht zuletzt – etwa in Fragen der Finanz – von Napoleon selbst eng
umgeben von Kontrollinstanzen und doch mit gewissen, wenn auch wechselnden
Befugnissen ausgestatteten Organen. Sogar die eigentliche Vereidigung erfolgte
auf die Republik Frankreich. Einmal mehr gilt, dass Klarheit erst tief in den
Details und bei großem Einblick und Einfühlungsvermögen in die Zeit gefunden
werden kann. Die Pauschalaburteilung andererseits bringt aber jedenfalls gar
nicht weiter – will man nicht den seit damals von den Gegnern der Revolution
betriebenen Verneblung, Verheimlichung und den Beschönigungen Vorschub leisten.
Besonders
schwerwiegend: Frankreich und damit der „bevollmächtigte Krisenmanager"
Napoleon hatte neben seinen verschiedenen innenpolitischen Funktionen praktisch
permanent Krieg zu führen gegen die Aggression der alten monarchistischen
Diktaturen, gegen England praktisch ohne Unterbrechung, und das nicht, weil er
Krieg gesucht hätte – die neuerliche Aggression unmittelbar nach dem
Friedensabkommen von Amiens geht in Wirklichkeit von England aus -, immer
wieder gegen Österreich, gegen Preußen und vor allem Russland. Entgegen der
bisherigen Geschichtsauffassung ist die Einteilung in Koalitionskriege
unsinnig, ein Resultat der bisher unausrottbaren Propaganda der Zeit. Denn
sowohl der Krieg 1805 als auch der von 1809 ging über alle beglaubigten
Friedensabkommen hinweg von Österreich aus, der Angriff 1806 durch Preußen und
Russland, der Angriff auf Russland 1812 durch dessen Vertragsbruch, der Angriff
auf Portugal durch dessen Bruch der 1802 aber unterzeichneten Kontinentalsperre.
Keine dieser Staatsführungen kann sich über die Folgen ihrer Vorgangsweise im
Unklaren gewesen sein. Vielmehr wurde es ja gerade auf diese Folgen angelegt,
und wechselt man nüchtern und unparteiisch den Standpunkt, betrachtet die Dinge
aus Petersburg, Berlin und Wien der damaligen Zeit, dann haben diese Diktatoren
ja Recht behalten, haben mit allen Mitteln trotz ihrer vielfältigen Unfähigkeit
die Revolution letztendlich zur Strecke gebracht und ihre Herrschaft auf 100
Jahre hinaus gesichert. Doch keiner dieser Kriege wäre ohne englisches Geld
möglich gewesen, die Habsburger haben sogar trotz all dieser Finanz- und
Militärhilfe 1811 einen veritablen Staatsbankrott verursacht. So stehen also
all diese Kriege in den wesentlichen Aspekten, in der Kriegsschulduntersuchung
völlig im Zeichen des britischen Regimes, sind ganz im Gegensatz zur üblichen
Bezeichnung als „Napoleonische Kriege" eigentlich als „Englische Kriege"
aufzufassen und stehen so in einer langen Reihe von Kriegen schon durch das 18.
Jahrhundert hindurch, in denen immer englische Interessen und englische Mittel
im Hintergrund großer, blutiger Auseinandersetzungen der monarchistischen
Diktaturen standen.
Doch auch hier
ist, wenigstens als Verfeinerung, unbedingt eine Präzisierung angebracht: Auch in
England ist der Wille zum Krieg um die Absicherung der alten Monarchien
keineswegs generell zu beobachten, wohl nicht einmal sehr verbreitet. Es gibt
eine recht umfangreiche und zeitweilig auch einflussreiche „Partei des
Friedens", Menschen, die Gewerbe und Handel nachgehen wollten; viele Menschen
vor allem auch in den armen Gruppen der Bevölkerung, die keine Grund sahen,
sich mit Franzosen herumzuschießen. Man dürfte also in sinnvollem, wirklich
beschreibendem Sprachgebrauch hier nicht generalisierend von „England" reden,
sondern müsste von der kriegsbetreibenden Gruppe um den König reden oder diese
Darstellung noch weiter vertiefen. Andererseits hat sich dieser Klüngel
durchgesetzt und die gesamten Ressourcen Englands über alle anderen hinweg zur
Kriegführung herangezogen, während diese anderen das wiederum zugelassen haben.
So gesehen ist es vielleicht wieder berechtigt, von „England" ganz allgemein
oder eben von „Preußen", „Österreich", „Spanien", „Portugal" und „Russland" zu
sprechen, wo all das ebenso gegeben war, mit vielen verschiedenen
Interessengruppen mit ganz verschiedenem politischem Gewicht, die letztlich
immer wieder von einigen, den kriegsorientierten, dominiert wurden.
Auch die
Kontinentalsperre ist ein ursprünglich englisches Druckmittel – zuerst nur eben
von See her -, mit der Ausweitung auf Kaperung und Beschlagnahmung auch
neutraler Schiffe und der Zwangsrekrutierung ausländischer Seeleute bis ins
verbrecherische getrieben. Napoleon hat hier die Blockade zuerst der
französischen Häfen, dann weiter Teile der europäischen Küsten nur damit
beantwortet, den Spieß umzudrehen und der Blockade von See her eine noch weiter
gehende von Land her entgegen zu setzen. Doch die mit so viel Härte
durchgesetzte, in alle Abkommen aufgenommene Kontinentalsperre hatte weiter
reichend Zielsetzungen. Die Zeit Napoleons fällt ja in eine Phase ungeheuerer
Entwicklung in Europa. Bevölkerungszahlen haben sich in kurzer verdoppelt und
verdreifacht, die landwirtschaftliche industrielle Erzeugung in Manufakturen, aber
noch viel mehr in „Produktionsverlagen" erreichte nie gesehene
Erzeugungsmengen. So war es die eigentliche Idee, die eigentliche
Wirtschaftspolitik hinter der Kontinentalsperre, die Länder Europas von
englischen Importen unabhängig zu machen und möglichst schnell aus eigener
Erzeugung zu versorgen. Doch hier sind die alten Diktaturen nicht mitgegangen -
es ist fraglich, ob dieser Ansatz überhaupt verstanden wurde. Jedenfalls fühlte
sich in Wien, Berlin, Moskau und in den kleineren Hauptstädten niemand bemüßigt,
durchdachte Wirtschaftspolitik zu betreiben.
Wenn also die
alten Diktaturen auch die Ideen der französischen Revolution – die man wiederum
keinesfalls losgelöst sehen darf von der Amerikanischen Revolution und auch
nicht vom Bespiel der Schweiz, sehr gut, sogar ganz ausgezeichnet ohne
Monarchie zurecht kommen zu können - selbst nicht umbringen konnten, die ihnen
dann in einem langen, schrecklich langsamen und blutigen Entwicklungslauf die
Herrschaft entrissen haben. Lächerlich machen sich nur „Historiker", die nach
der Niederwerfung Napoleons eine „vierzigjährige Friedenszeit" in Europa
gesehen haben wollen. Die Schlachtfelder im griechischen Freiheitskampf um
1821, der russische Angriff auf die Türkei 1825, die brutale Ausweitung der
englischen Kolonien, der Aufstand der Bevölkerung in Belgien, der Kampf der
Polen gegen den russischen Zarismus, der italienische Kampf gegen die
Habsburgerdiktatur bis 1848, die europaweiten Ereignisse 1848/49, der russische
Einmarsch in Ungarn und die Ereignisse bis hin nach Solferino – all das war ja
nur die Durchsetzung legitimer Ansprüche der gottgefälligen Majestäten! Oder?
In Europa haben
sich jedenfalls inzwischen die positiven Errungenschaften der napoleonischen
Ära weitgehend durchgesetzt: verfassungsmäßig fixierte Bürger- und
Menschenrechte, Religionsfreiheit, die Zivilehe, freie Gewerbe und
Landwirtschaftsreform auf Basis der Bauernbefreiung, staatliche, ideologisch
unabhängige Schulen und Universitäten, unabhängige Gerichte, Steuerpflicht auch
für Adel und Klerus.
Die Spätzeit
Napoleons ist schwierig einzuschätzen, da der Krankheitsverlauf naturgemäß
unbekannt, jedoch bereits durch längere Zeit zu beobachten ist. Vieles deutet
darauf hin, dass er langsam auch an geistiger Leistungsfähigkeit verloren hat.
Und die vielen Kriegszüge, die Verwundungen haben gesundheitliche Folgen
hinterlassen. Das lange Jahre unglaubliche Arbeitstempo hat an Schwung
verloren. Auch der häufige Verrat in seiner nächsten Umgebung hat menschlich an
den Kräften und am Vertrauen gezehrt. In den ihm aufgezwungenen Kriegen blieb
nur noch wenig Zeit, dass staatsmännische Genie, wahrscheinlich die
ausgeprägtere Begabung des Mannes, zur Wirkung zu bringen. Die verfassungsmäßig
bedenkliche Bemühung, eine neue Dynastie von „Imperatoren" zu festigen, ist
zumindest auch, wenn nicht in erster Linie auf das schwindende Vertrauen in die
bequem und korrupt gewordenen Weggefährten zurück zu führen.
Der Tod war dann
ein sehr einsamer, im Gegensatz zu vielen anderen Machthabern menschlich
bewegender. Das Vermächtnis sind seine Schriften. Und wenn man nach den
unerträglich manipulativen und nachlässigen Publikationen bisher auch nicht ins
andere Extrem fallen sollte – nämlich blindem Vertrauen wieder in seine eigenen Schriften, als könnte er der
Versuchung der Beschönigung nicht erlegen sein -, so sollte angesichts der
wissenschaftlich grotesken Qualität der meisten vorliegenden Darstellungen doch
jeder, der sich mit Napoleon beschäftigt, zumindest auch seiner Seite Gehör
schenken. Und sich aus der Erkenntnis der bis heute äußerst problematischen
Geschichtsschreibung dieser Epoche ein gesundes Misstrauen gegenüber allen
anderen historischen, noch so beworbenen, empfohlenen oder akademisch
legitimierten Darstellungen mitnehmen.
Das Schlimmste an
der unglaubwürdigen, keiner Überprüfung der Tatsachendarstellung standhaltenden
Geschichtsschreibung über das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert ist aber
gar nicht die Verfälschung dieser Themen selbst durch die derzeit aktuellsten
Größen der akademischen Geschichtsforschung, denn damit ist heute kaum echter
Schaden anzurichten. Restaurationsüberlegungen vereinzelter monarchistischer
Nostalgiker sind europaweit heute kaum mehr als lächerlich, und auch die
derzeit in unsinnigen Verfassungsdebatten und Erweiterungsplänen gefangene
Europäischen Union wird möglicherweise in absehbarer Zeit so viel
grundsätzliches Demokratieverständnis aufbringen, dass endlich generell alle
Monarchien zur republikanischen Verfassung finden und ihre Operettenkönige
enteignet und endgültig ins Ausgedinge der „Yellow Press" schicken.
Erschütternd ist vielmehr das aus der fehlenden Genauigkeit und
Unparteilichkeit selbst der modernsten Geschichtsdarstellung resultierende
Misstrauen, wie weit nicht auch in anderen, gar vielen anderen Bereichen der
historischen Lehre und Forschung derartige Mängel, Oberflächlichkeit,
Unkenntnis, Fehler in Quellenstudium und Recherche, Trägheit, Inkompetenz oder
womöglich absichtliche Manipulation gegeben sind. Das Studium der Geschichte
der napoleonischen Ära erschüttert die Fundamente der aktuellen
Geschichtsforschung und verlangt nach einem Neubeginn.