Letztes Update des Internetarchivs erfolgte am 12. August 2004


Napoleon Bonaparte


Stratege, Kunst- und Kulturmäzen, Kriegsverbrecher, Weiberheld, Gesetzgeber und Justizmörder - ein ruheloses Genie?

200 Jahre sind vergangen – man denkt, es ist über Kaiser Napoleon I. von Frankreich alles gesagt. Über den Feldherrn wird bis in die Schulen mit „Caesar, Napoleon und Hitler" – in den alten Gymnasien noch mit „Alexander, Caesar und Napoleon" wenigstens ein klein wenig korrekter und fairer - die Reihe der aggressivsten Eroberer aufgezählt, er habe sich zum Kaiser gekrönt und damit die französische Revolution rückgängig gemacht, letztlich habe ihn das „erwachende Nationalbewusstsein der Völker" verdient hinweggefegt, die „alte Ordnung wurde wieder hergestellt" und es konnte „jahrzehntelang der Frieden gesichert werden".

Nichts daran ist wahr, am widerlichsten aber ist der Vergleich mit Hitler: Immer wenn Geschichtsschreiber – und jetzt vermehrt auch Politiker – das allgemeine Desinteresse durchbrechen wollen, muss eine Verknüpfung mit dem Nationalsozialismus herhalten, sei sie auch noch so haltlos und unseriös.

Dabei ist es die Frage, ob es lohnt, sich heute noch mit Napoleon zu beschäftigen. Die Antwort darauf lautet eigentlich Nein: Für den persönlichen Informationsstand zur ernstzunehmenden Teilnahme am öffentlichen Leben, vor allem an Wahlen bringt es wenig, zur verbesserten Beurteilung des unmittelbar aktuellen internationalen Geschehens kann es kaum etwas beitragen. Will man aber in die Tiefe, den Wurzeln der Menschen- und Bürgerrechte, der Demokratie nachspüren – dann kommt man um die Ereignisse und die schillernde Persönlichkeit nicht herum. Und plötzlich wird doch auch vieles aus dem Tagesgeschehen besser beleuchtet, selbstverständlich erscheinende Werte und Rechte bekommen neues Gewicht.

Denn was aus dieser Zeit wirklich wertvoll geblieben ist – sind Ideen. Ideen, die leider bis heute nicht überall auf der Welt durchgesetzt werden konnten.

Unfasslich aber ist es, dass bis heute keine ausgewogene Darstellung und Beurteilung der Ära der französischen Revolution und der unter Napoleon folgenden Umsetzung in staatliche Institutionen und öffentliches Leben durch die beamtete wie auch unabhängige Geschichtsschreibung unternommen wird.

Wie auch immer, und welchen Zugang auch immer wir selbst haben, uns hier mit Napoleon zu befassen – eigentlich wäre es an der Zeit, dass wir uns von den monarchistischen Propagandadarstellungen des 19. Jahrhunderts endlich lösen und mit genauer, nüchterner Forschung über diese Zeit beginnen. Doch seit vielen Jahren wird vor allem in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung nur noch abgeschrieben, Gesamtdarstellungen bleiben notgedrungen an der Oberfläche ohne jede eigene Prüfung der herkömmlichen Behauptungen, Publikationen selbst auf höchstem akademischem Niveau werden schnellstmöglich – und entsprechend ohne eigenes Bemühen um Überprüfung der hergebrachten Darstellungen – von älteren Publikationen abgeschrieben. Und wer beschäftigt sich schon mit dieser Zeit? Meist Leute, die ihre eigenen Vorstellungen bestätigt finden wollen, selbst bewusst oder ein wenig unbewusst monarchistischer Nostalgie anhängen. Und so werden die alten, aber völlig unzutreffenden Klischees und Fehlinformationen immer weitergetragen, in den Schulunterricht selbst des 21. Jahrhunderts, in neueste museale Darstellungen und Führungen, in Universaldarstellungen der Geschichte oder auch in Länderdarstellungen. Ganz besonders aber im endlosen soziologischen oder politologischen Geschwafel, in der sich vor allem die beamtete Geschichtswissenschaft der letzten 30 Jahre gefällt, von Fakten, Tatsachen, Ereignissen und Quelldokumenten unbelastet „interpretierend", was ins vorgefertigte Weltbild passt, Hauptsache, ein „Diskurs" über sozialistische Ansätze kann als Pflichtübung in die Publikation gezwängt werden.

Stützen wir uns auf Fakten und Quelldokumente – die aus dieser Zeit höchster Schriftlichkeit nahezu im Übermaß vorhanden sind – sowie ausschließlich auf überprüfbare Feststellungen, so bricht das herkömmliche Bild Napoleons vom egomanischen Aggressor, der ganz Europa unter sein Joch zwingen will und nur vom – womöglich berechtigten – Widerstandskampf Englands am Griff nach der Weltherrschaft gehindert werden kann, schnell in sich zusammen.

Der ungebrochenen Flut an einseitigen - aus Unachtsamkeit, Unfähigkeit oder gar absichtlich monarchistischer Motivation nur die propagandistische Geschichtsschreibung der letzten 200 Jahre wiederkäuenden - Darstellungen einen Versuch der „Wahrheitsfindung" – so wenig dieses Ziel auch erreicht werden kann, muss es doch die Zielsetzung historischer Forschung sein – entgegen zu stellen, unternimmt hier im Internet das vorliegende freie Publikationsprojekt. Vor allem die Bibliographie als Hilfestellung für am Thema Interessierte soll als erstes zur Verfügung gestellt werden, die Themenstellung der ersten Reihe der in Ausarbeitung stehenden Detaildarstellungen einen Ausblick auf das Gesamtunternehmen geben. Die Ergänzungen erfolgen laufend und der Entwicklungsstand ist am jeweiligen Datum der letzten Ergänzung ablesbar. Erste Schwerpunkte werden jeweils zu den besonders kontroversiellen Fragen gesetzt sowie zu den Themen, die im Internet und in der Literatur bisher wenig oder besonders verfälscht dargestellt werden.

Alle hier vorgelegten Texte sind zur weiteren Verwendung freigegeben, dankbar wäre ich für einen kurzen Hinweis, wofür die Verwendung erfolgt (Erreichbarkeit: wbwien@nextra.at)

Martin WALTER
Wien, im August 2004



Das Bild Napoleons in der Geschichte

"Kann man mir etwas vorwerfen, was nicht von einem Historiker gerechtfertigt werden könnte?"

Napoleon auf St. Helena

Diesen Standpunkt Napoleons selbst kann man nun konstruktiv, als Aufforderung zu historischer Genauigkeit und Ausgewogenheit, oder als bösen Zynismus verstehen: Einerseits kann der desillusionierte Machtmensch und Menschenkenner gemeint haben, dass Geschichtsschreiber ohnehin dazu neigen, nur ihre persönlichen Vorstellungen zu argumentieren und alle nicht ins Bild passenden Fakten zu ignorieren; dann gäbe es praktisch keinen Vorwurf an Napoleon, den nicht ein Historiker mit irgendeinem noch so an den Harren herbeigezerrten Argument halbwegs plausibel erklären könnte.

Oder aber der verbannte Imperator hatte unendliches Vertrauen in die sorgfältige Arbeit künftiger Geschichtsforschung und meinte – als Aufforderung und als Auftrag von seiten des selbst historisch immer höchst interessierten „Geschichtskonsumenten" -, dass zu allen Vorwürfen ehrlich detailreiche Geschichtsforschung all die Argumente und Tatsachen zu finden und einsichtig darzustellen in der Lage sein müsste, die ihm die jeweiligen Entscheidungen unumgänglich gemacht haben.

Napoleon hat seinen ersten Auftritt in der Geschichte, sozusagen tatsächlich „geschichtswirksam" oder „geschichtsbildend" – während er vor Toulon zwar an wichtigen Ereignissen federführend teilnimmt, jedoch untergeordneter Offizier bleibt -, als wirklich politisch handelnde Persönlichkeit eigentlich erst durch Zufall bei seinem Einschreiten an der Seite von Barras gegen den royalistischen Aufstand in Paris an 5. Oktober 1795. Er selbst hat sich so ein einwandfreies republikanisches Zeugnis erworben, für uns selbst als Beobachter über die Zeiten hinweg ist eine völlig neutrale Position angebracht: Ob der Aufstand berechtigt war, ob die Geschichte eine andere Abzweigung hätte nehmen sollen, all das bleibt persönlicher Meinungsbildung vorbehalten; hat aber in der Tatsachendarstellung über die Zeit nichts verloren. Und als zweite Anmerkung ist angebracht, dass die ungeheuer schnelle Abfolge der Ereignisse im Zug der „Französischen Revolution" auch sehr schnell den Überblick verlieren lässt, jedoch ist der Überblick für ein Verständnis der Ereignisse und vor allem für die Bewertung unerlässlich.

Dass er in Folge anstelle von Barras zum Kommandanten der Armee des Inneren aufsteigt und bald darauf mit dem Kommando in Italien betraut wird, ist sicherlich auf diese enge Bekanntschaft mit den führenden Leuten der Revolution zurück zu führen, der Verkehr in den auch privaten Kreisen dieser Leute – wo er auch Josephine kennen lernt – war sicherlich hilfreich, jedoch heißt es die Intelligenz und auch die Kompetenz der führenden Revolutionäre – vor allem eines Carnot! -inakzeptabel zu unterschätzen, wenn man das Italienkommando ausschließlich dem Einfluss von Josephine zuschreibt.

Gerade die Zeit in Italien ist es aber, die auf der Suche nach dem hemmungslosen, kriegslüsternen „Despoten" wichtig erscheint, denn während der Krieg gegen Österreich weitgehend diesem selbst zuzuschreiben ist, jedenfalls aber ab 1792 kein „napoleonisches" Phänomen ist, erscheint manche Aggression in Italien tatsächlich ihm anzulasten. Doch wie so oft rund um Napoleon: Die Vorwürfe halten nicht. Speziell der Griff nach Venedig wird immer wieder als Beispiel napoleonischer Aggression bemüht, doch geht man in die Tiefe der tatsächlichen Ereignisse, so ist zu erkennen, dass zuerst der österreichische Kommandant Beaulieu venezianisches Territorium verletzt, eine Festung als Stützpunkt besetzt hat, und erst dann Napoleons Reaktion Venedig zum Kriegsschauplatz und zum Spielball der Neuordnung in Italien – nicht zuletzt wieder auf Betreiben der habsburger Diktatur - gemacht hat. Und ähnlich ist es mit anderen italienischen Staaten, die zuerst von sich aus in den Krieg gegen die Revolution eingetreten sind, sich daher die – zugegeben unerwarteten und weitreichenden – Folgen selbst zuzuschreiben haben. Ganz ähnlich sind die Dinge dann auch in Neapel und Portugal verlaufen.

Dazu kommt noch, dass wir von der herkömmlichen Geschichtsschreibung völlig auf die angeblich legitimen Staaten dieser Zeit festgelegt werden, während in Wirklichkeit in allen diesen Staaten, auch in der monarchistischen Diktatur der Habsburger und der Hohenzollern, ebenso der Romanows, der Hannoveraner in Großbritannien, der Familienzweige der Bourbonen und des Papstes, bereits deutlich erkennbare Gruppen in der Bevölkerung eine demokratische, oft auch republikanische Staatsform vertraten, und die Gelegenheit des Kriegs der herrschenden Adelsoligarchien gegen die französische Revolution nutzten, um neue Staatformen ins Leben zu rufen. Auch hier sind wir aufgerufen, nicht die Geschichte zu verfälschen, aber Stellung zu beziehen. Die alten monarchistischen Diktaturen Europas sind um keinen Deut legitimer als die Herrschaft Napoleons – dort wo er immer wieder bis zuletzt plebiszitäre Legitimation gesucht hat, ist sein Regime sogar noch sehr viel berechtigter.

Wenn auch Napoleon in der Neuordnung Italiens bereits zum politisch selbständig Handelnden wird – wenn er auch keineswegs seine Kompetenzen dabei überschreitet, wie unterstellt wird, denn höchstrangige Frontkommandeure der damaligen Zeit hatten durchaus immer wieder, schon aufgrund der endlosen Kommunikationswege, die Berechtigung zu Waffenstillstandsverhandlungen -, so ist der große Rahmen der Ereignisse nach wie vor kein „napoleonischer". Die neuen Staatsinstitutionen in Paris und die alten Diktaturen andererseits leiten das Geschehen bis 1799, daran gibt es keinen Zweifel. Und so ist auch das ägyptische Abenteuer, angeblich erster Ausdruck von „despotischem Cäsarenwahn", eine strategisch betrachtet so dumme Sache nicht, geht auch auf ein anti-englisches, strategisches Memorandum Napoleons zurück, hätte aber auch ohne breite Zustimmung in der französischen Führung nicht zustande kommen können.

Eine direkte Eroberung Englands war zu diesem Zeitpunkt nicht durchführbar, daher einen Nebenkriegsschauplatz zu suchen und dort englische Interessen zu bekämpfen ein recht logischer Ansatz – vor allem gemessen an der entscheidenden Rolle, die lange Zeit nicht englisches Militär, sondern englisches Geld gespielt hat. Tatsächlich hatte England zu diesem Zeitpunkt große militärische Schwierigkeiten in Indien, und ein wesentlicher Teil des französischen Expeditionskorps unter Napoleon hätte ja über Suez nach Indien übersetzen sollen, um die indischen Truppen unter Tipu Sahib zu unterstützen. Dass der mehr als berechtigte indische Kampf gegen die britische Kolonialmacht zu schnell zusammenbrach, hat diesen Zug verhindert. Dazu kam der Verrat Talleyrands, der die Intervention im Ägypten der Mamelucken gegenüber dem türkischen Sultan hätte vertreten, am besten auch gleich die Osmanen oder auch die Perser für einen gemeinsamen Zug gegen Indien hätte gewinnen sollen, dies aber eigenmächtig, entgegen den Absprachen unterlassen hat. Mit der bekannten Folge des Kriegseintritts der Hohen Pforte auf der Seite Englands.

Doch wie immer man auch diese Ereignisse betrachten mag: Der politisch Verantwortliche dafür ist Napoleon zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht. Allerdings kommt es nach dem Sieg von Jaffa zu einem so üblen Vorfall, dass dies vielleicht eines der wenigen wirklichen Verbrechen Napoleons war: Bereits in den Kämpfen vor dem Syrienzug ist es mehrfach vorgekommen, dass Gefangene auf Ehrenwort, sich nicht mehr an den Kämpfen zu beteiligen, entlassen wurden. Nur fanden sich unter den wahrscheinlich rund 3000 Gefangenen, türkisch-mamelukischen Verteidigern von Jaffa rund 400 Leute, die bereits einmal gegen Ehrenwort entlassen worden waren. Natürlich ist es auch als zumindest naiv anzusehen, dass Kämpfer unter einem schrankenlos despotischen Regime wie der Osmanen – das Foltergefängnis der „Sieben Türme" ließ sogar ausländische Botschafter an der Hohen Pforte und vielleicht auch Talleyrand selbst die Nerven verlieren – sich einfach wegen einer Zusage an „Ungläubige" aus dem Krieg zurückziehen hätten können. Gleichzeitig hatte die französische Armee angeblich keine Möglichkeit, Gefangene zu verpflegen, und so entschloss sich Napoleon, ganz gegen seine Gewohnheit nach einem Kriegsrat, den Befehl zur Hinrichtung aller Gefangenen zu geben. Nun ist natürlich die Erklärung und der Hinweis auf den Gewissenskonflikt historisch von großem Interesse, doch ändert es nichts an der Sachlage. Und je nachdem welchem Wertesystem man sich verpflichtet fühlt: Doch vom heutigen Standpunkt aus ist dies als schwerwiegendes Verbrechen an Hilflosen, „Anvertrauten", zu werten; diese Ereignisse machen Napoleon zum Kriegsverbrecher – wenn auch die Zeit damals dies nicht so gesehen hat; ebensowenig wie die völlig ungerechtfertigte Bombardierung der zivilen Stadtviertel Kopenhagens durch Wellington und Nelson, um Dänemark zur schnellen Kapitulation zu zwingen.

Und der Syrienfeldzug zwingt noch einmal mehr zu historischer Korrektur: Bis heute wird die Propagandalüge nachgebetet, Erzherzog Karl hätte im Kampf gegen Napoleons Donauüberquerung 1809 den ersten Sieg über den „Unüberwindlichen" errungen. Tatsache ist, dass ein nahezu unbekannter türkischer Kommandant, Djezzar Pascha, in Kooperation mit dem englischen Geschwaderkommodore Sydney Smith bei Akko Napoleons erste Niederlage im Feld erreicht hat. Doch Papier in Geschichtsbüchern scheint besonders geduldig zu sein.

Die wirkliche Ära Napoleons – und man sollte nie vergessen, dass es keine Herrschaft eines einzelnen gibt, sie nicht geben kann; immer müssen viele profitieren und sich einbringen können, sonst hätte Herrschaft keinen Bestand – beginnt mit seiner Rückkehr aus Ägypten und dem „Staatstreich". Doch gerade hier wird deutlich, dass Napoleon ein Getriebener ist, dass viele andere ihn an die Spitze stellen, weil die politische Situation im Land unhaltbar geworden ist, die Probleme den Verantwortlichen über den Kopf wachsen, und man mit einem volkstümlichen Aushängeschild an der Spitze der Lage Herr zu werden sucht. Napoleons selbst macht im Zug des Umsturzes eine eher lächerliche Figur, wird benutzt, und erkennt erst deutlich später, was sich aus der Situation machen lässt.

Legendär sind auch seine Sexgeschichten. Dabei wirkt er in Wort und Schrift gegenüber Frauen eher linkisch. Die in jeder Hinsicht gewandte und erfahrene Josephine war offenbar wirklich seine große Liebe. Darin ist er tief enttäuscht worden. Danach war wohl nur die Beziehung zu Maria Walewska eine sehr tiefgehende menschliche Beziehung, alle anderen Geschichten haben mehr den Charakter von, wie wir heute sagen würden, „Groupies", Groupies der Macht und des Geldes. So hat er sich verhalten, und so haben sich auch, so weit sich das über die beiden Jahrhunderte hinweg nachvollziehen lässt, auch die Frauen verhalten. Wie Napoleon selbst wohl nur in wenigen Augenblicken ein wirklich sympathischer Mensch war, so wirken auch diese Geschichten immer wieder unsympathisch, gekauft.

Eigenartig hat sich die Ehe mit der jungen Habsburgerin entwickelt. Was zuerst ein hässliches politisches Geschäft war, hat sich, besonders nachdem sein wirklich großer Wunsch nach einem berechtigten Erben in Erfüllung gegangen ist, zu echter Zuneigung entwickelt, beiderseits, wie manches Dokument zu belegen scheint.

Gleichzeitig beginnen in dieser Phase seine größten Leistungen, beendet er nicht die Revolution, sondern bringt die Staatsformen hervor, die die neuen Grundsätze erst in tagtäglich brauchbaren Abläufen und Institutionen zementieren, in Schulen und unabhängigen, öffentlichen Gerichten, in Gewerbe und Handel. Wegweisend sind seine Bauprogramme im Straßenbau und durch die Binnenkanäle, etwa bei Saint-Quentin - Aufträge nicht zuletzt zur erfolgreichen Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit, also der Schritt hin zu aktiver Wirtschaftspolitik -, die Durchsetzung der inneren Sicherheit landesweit, das Bauprogramm in Paris mit den vielen, noch heute großartigen Gebäuden des Empire, der Aufbau einer verlässlichen Lebensmittelversorgung – nicht zuletzt in Kooperation mit den USA. Also eine „Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik" in nahezu moderner Form.

Doch bedingt dieser Schritt an die vorderste Stelle auch, dass er in den Mittelpunkt der anhaltenden Umsturz- und Restaurationsversuche gerät, die Frankreich zu diesem Zeitpunkt immer noch heimsuchen. Attentate konzentrieren sich auf den neuen Machtinhaber, den tatsächlich vielversprechenden Hoffnungsträger der Zukunft. Nach gescheiterten Versuchen der emigrierten Bourbonen, ihn zum Steigbügelhalter ihrer Rückkehr nach Frankreich zu machen, gerät er ins Visier der gewaltsamen Auseinandersetzung. Umfassende Polizeieinrichtungen, eine genaue Beobachtung und Kontrolle der Agitation in den Zeitungen – wesentliche andere Medien gab es ja nicht, und in den Kanzelpredigten wurde ohnehin kirchlicherseits gegen das Regime getan, was möglich war – waren die Reaktion, dazu die Zerschlagung der Jakobiner und letztlich, als demonstrative Absage an jedes mögliche Bündnis mit der alten Macht in Frankreich, die Verhaftung des Herzogs von Enghien. Ein Aufschrei soll damals durch Europa gegangen sein, als ungeheuerlicher Rechtsbruch ist Napoleon das ausgelegt worden. Und fast hatte es schon den Anschein, als würden diese Vorwürfe halten, wenn auch berechtigt davon auszugehen ist, dass der Aufschrei lediglich in einigen Machtzentren der alten Diktaturen zu hören war, hingegen zumindest 90 Prozent aller Europäer die ganze Sache völlig gleichgültig war.

Doch der Vorwurf von Rechtsbeugung und Justizmord ist natürlich für einen Regierungschef schwerwiegend. Aber wiederum stellt sich bei genauer Untersuchung der Sache heraus, dass der Herzog sehr wohl in konspirative Umsturzversuche verwickelt war. Dazu kommt, dass nach damaliger Rechtslage er auch bei Aufenthalt im Ausland als französischer Staatsbürger den französischen Gesetzen unterlag, auch verhaftete werden konnte. Übrig bleibt hierzu also nur die Frage, ob der Zugriff von Militär auf dem Territorium Badens international rechtskonform war – es mangels internationaler Polizei möglicherweise keine andere Vorgangsweise gab; und wie wäre andererseits die Beherbergung eines konspirativen Attentäters durch eine Nachbarstaat einzustufen? Letztlich eine bis heute drängende, aber kaum gelöste Frage.

Zum Kern der Sache hat Enghien selbst in seinem Verfahren vor dem Militärgericht vertreten, dass er es regelrecht als seine Aufgabe betrachtet, in Frankreich einen Umsturz zurück zur alten Ordnung herbeizuführen – zweifellos ein tapferer Mann von großer Ehrlichkeit und Direktheit bis zuletzt. Auch Schritte zur Erreichung dieses Zieles wurden gesetzt, englisches Geld zur Finanzierung der Machenschaften genommen. Und für diese Dinge – nicht wegen des Attentats in Paris – wurde der Herzog rechtskonform zum Tod verurteilt und hingerichtet. Napoleon hätte in dieser Sache nur ein Begnadigungsrecht gehabt, und in anderen Fällen hat er davon auch häufigen Gebrauch gemacht. Man kann ihm also vorwerfen, er hätte auch in diesem Fall – oder besonders in diesem Fall; aber warum eigentlich? – eine Begnadigung aussprechen müssen. Noch im Exil schlägt er sich mit dieser Frage herum, kommt aber immer wieder zur Schlussfolgerung, dass dieses abschreckende Beispiel notwendig war, um den Umtrieben und innenpolitischen Unruhen, den Attentaten ein Ende zu machen. Das soll auch, zeigen die Dokumente der Zeit, so eingetreten sein, die weiteren Attentate wie in Schönbrunn 1809 waren anders motiviert; was aber eigentlich auch wieder unverständlich ist, denn wenn Enghien nichts mit den Attentaten zu tun hatte, warum wurden sie dann nach seinem Tod eingestellt? Nur weil die übrigen französischen Bourbonen Angst hatten, zur Rechenschaft gezogen zu werden? Wenig einsichtig.

Bald nach diesen Ereignissen versucht Napoleon auch in friedlicheren Phasen, die über Europa hinausreichenden Angelegenheiten Frankreichs zu ordnen, speziell die Kolonien in den Griff zu bekommen. Von Spanien wird dessen Territorium in Nordamerika unter dem Begriff „Louisiana" übernommen – was von den jungen USA als Bedrohung empfunden wird -, als militärisch unhaltbar aber an die USA gegen finanzielle Entschädigung abgetreten. Besonders hässlich und möglicherweise für manchen ungeheuerlichen Standpunkt Napoleon entlarvend zeigt sich aber der Verlauf der Ereignisse in Saint Domingue: Nach der Aufhebung der Sklaverei durch den Konvent 1794 wurden die dortigen Afroamerikaner frei, bildeten eine ungeheuer interessante „Eigenstaatlichkeit", übernahmen auch die von Spanien und England abgetretene Hälfte des Inselterritoriums und bewegten sich unter der Führung des schwarzen Gouverneurs und Brigadegenerals Toussaint L´Ouverture in Richtung einer Staatsgründung. Dem stellte Napoleon eine Strafexpedition unter dem Kommando seines Schwagers Leclerc entgegen. L´Ouverture wurde in eine hinterhältige Falle gelockt und als Aufrührer verhaftet, in Frankreich verurteilt und ist wenig später in der Festungshaft im Jura gestorben. Der von Napoleon bewilligten Wiedereinführung der Sklaverei in den Kolonien – Dokumente dazu waren leider noch nicht zu entdecken; auf jeden Fall eine widerliche und zutiefst verdammenswerte Entscheidung auf Druck der weißen Pflanzer dort – wurde vorerst nicht nachgekommen, das erhebliche französische Expeditionskorps von 35 500 Mann von Kämpfen und vor allem Krankheiten bis auf 2000 Mann nahezu aufgerieben. L´Ouvertures Nachfolgern gelang dann die Unabhängigkeit, als erstem Staat in Lateinamerika. Napoleon steht jedenfalls durch diese Affäre als Sympathisant der Sklaverei da, und so kann es mit seinem persönlichen Verhältnis zu den großen Fragen nach Freiheit und Gleichheit der Menschen wirklich noch nicht weit her gewesen sein. Seine Intervention auf Hispaniola wird von manchen Historikern – als Vergleich in vieler Hinsicht unzulässig, doch mit einiger Prägnanz – als „Napoleons Vietnam" dargestellt.

Ein kniffliges Problem ist nun das Kaiserreich Napoleons, widerspricht doch diese Krönung so ganz offensichtlich den revolutionären und republikanischen Zielsetzungen. Entspricht der Vorwurf, die Revolution verraten, rückgängig gemacht zu haben, doch der Wahrheit? Nun, hier werden wir in sehr diffizile verfassungsrechtliche Fragen verwickelt. Im Vordergrund steht ein sprachliches Missverständnis. Wir sollten nicht unterschätzen, dass damals das römische Vorbild noch sehr stark verankert war in politisch denkenden Köpfen. Tatsache ist, dass die direkte Übersetzung des „Empereur" mit dem deutschen Begriff „Kaiser" schon in die falsche Richtung führt. Was die Menschen damals, die politisch führend engagierten ebenso wie die einfachen Leute – nur zu verständlich - wollten, war eine Beruhigung der Lage, die Sicherung stabiler Verhältnisse. Manchen schien das ja durch die Rückkehr der Bourbonen nach Paris erreichbar, andere sahen eben in der Berufung eines mit sehr weitgehenden Vollmachten ausgestatteten „Imperators" die Lösung. Dieser „Inhaber der Vollmachten" sollte auf gesetzlicher Basis und von gewählten Gremien kontrolliert zügig die nötigen Einrichtungen und Maßnahmen treffen. Nichts anderes hat Napoleon getan, von der Stabilisierung der Währung und des Staatshaushalts über die Institutionalisierung der Rechtsprechung bis zur Entschärfung der militärischen Aggressionen gegen den neuen Staat.. Im römischen Vorbild sollte ein solcher Imperator möglichst schnell nach Bewältigung der Krisensituation wieder abtreten. Ob es für eine Demokratie – damals natürlich in Frankreich nur ansatzweise gegeben – auch möglich ist, einen solchen „Inhaber der Macht" wegen ungeheurer Erfolge auch mit Erbrecht auszustatten, ist natürlich eine extreme Frage. Kann eine Demokratie ihre eigene Auflösung beschließen? Das ist an sich eine verfassungsrechtlich und verfassungsgeschichtlich interessante Frage. Kann ein solcher „Imperator" in sinnvollem verfassungsrechtlichem Gleichgewicht zu Kontrollorganen gehalten werden? Manche empfinden das Amt des US-Präsidenten als eine derartige Konstruktion. Und für absolute Notfälle haben wir ja auch in Deutschland und selbst in Österreich in den Vollmachten des Bundespräsidenten vorgesehen, ansatzweise ein sehr starker Krisenmanager zu sein.

Das Amt des französischen „Empereurs" war jedenfalls sicher kein Kaisertum im deutschen Sinn, nicht zuletzt – etwa in Fragen der Finanz – von Napoleon selbst eng umgeben von Kontrollinstanzen und doch mit gewissen, wenn auch wechselnden Befugnissen ausgestatteten Organen. Sogar die eigentliche Vereidigung erfolgte auf die Republik Frankreich. Einmal mehr gilt, dass Klarheit erst tief in den Details und bei großem Einblick und Einfühlungsvermögen in die Zeit gefunden werden kann. Die Pauschalaburteilung andererseits bringt aber jedenfalls gar nicht weiter – will man nicht den seit damals von den Gegnern der Revolution betriebenen Verneblung, Verheimlichung und den Beschönigungen Vorschub leisten.

Besonders schwerwiegend: Frankreich und damit der „bevollmächtigte Krisenmanager" Napoleon hatte neben seinen verschiedenen innenpolitischen Funktionen praktisch permanent Krieg zu führen gegen die Aggression der alten monarchistischen Diktaturen, gegen England praktisch ohne Unterbrechung, und das nicht, weil er Krieg gesucht hätte – die neuerliche Aggression unmittelbar nach dem Friedensabkommen von Amiens geht in Wirklichkeit von England aus -, immer wieder gegen Österreich, gegen Preußen und vor allem Russland. Entgegen der bisherigen Geschichtsauffassung ist die Einteilung in Koalitionskriege unsinnig, ein Resultat der bisher unausrottbaren Propaganda der Zeit. Denn sowohl der Krieg 1805 als auch der von 1809 ging über alle beglaubigten Friedensabkommen hinweg von Österreich aus, der Angriff 1806 durch Preußen und Russland, der Angriff auf Russland 1812 durch dessen Vertragsbruch, der Angriff auf Portugal durch dessen Bruch der 1802 aber unterzeichneten Kontinentalsperre. Keine dieser Staatsführungen kann sich über die Folgen ihrer Vorgangsweise im Unklaren gewesen sein. Vielmehr wurde es ja gerade auf diese Folgen angelegt, und wechselt man nüchtern und unparteiisch den Standpunkt, betrachtet die Dinge aus Petersburg, Berlin und Wien der damaligen Zeit, dann haben diese Diktatoren ja Recht behalten, haben mit allen Mitteln trotz ihrer vielfältigen Unfähigkeit die Revolution letztendlich zur Strecke gebracht und ihre Herrschaft auf 100 Jahre hinaus gesichert. Doch keiner dieser Kriege wäre ohne englisches Geld möglich gewesen, die Habsburger haben sogar trotz all dieser Finanz- und Militärhilfe 1811 einen veritablen Staatsbankrott verursacht. So stehen also all diese Kriege in den wesentlichen Aspekten, in der Kriegsschulduntersuchung völlig im Zeichen des britischen Regimes, sind ganz im Gegensatz zur üblichen Bezeichnung als „Napoleonische Kriege" eigentlich als „Englische Kriege" aufzufassen und stehen so in einer langen Reihe von Kriegen schon durch das 18. Jahrhundert hindurch, in denen immer englische Interessen und englische Mittel im Hintergrund großer, blutiger Auseinandersetzungen der monarchistischen Diktaturen standen.

Doch auch hier ist, wenigstens als Verfeinerung, unbedingt eine Präzisierung angebracht: Auch in England ist der Wille zum Krieg um die Absicherung der alten Monarchien keineswegs generell zu beobachten, wohl nicht einmal sehr verbreitet. Es gibt eine recht umfangreiche und zeitweilig auch einflussreiche „Partei des Friedens", Menschen, die Gewerbe und Handel nachgehen wollten; viele Menschen vor allem auch in den armen Gruppen der Bevölkerung, die keine Grund sahen, sich mit Franzosen herumzuschießen. Man dürfte also in sinnvollem, wirklich beschreibendem Sprachgebrauch hier nicht generalisierend von „England" reden, sondern müsste von der kriegsbetreibenden Gruppe um den König reden oder diese Darstellung noch weiter vertiefen. Andererseits hat sich dieser Klüngel durchgesetzt und die gesamten Ressourcen Englands über alle anderen hinweg zur Kriegführung herangezogen, während diese anderen das wiederum zugelassen haben. So gesehen ist es vielleicht wieder berechtigt, von „England" ganz allgemein oder eben von „Preußen", „Österreich", „Spanien", „Portugal" und „Russland" zu sprechen, wo all das ebenso gegeben war, mit vielen verschiedenen Interessengruppen mit ganz verschiedenem politischem Gewicht, die letztlich immer wieder von einigen, den kriegsorientierten, dominiert wurden.

Auch die Kontinentalsperre ist ein ursprünglich englisches Druckmittel – zuerst nur eben von See her -, mit der Ausweitung auf Kaperung und Beschlagnahmung auch neutraler Schiffe und der Zwangsrekrutierung ausländischer Seeleute bis ins verbrecherische getrieben. Napoleon hat hier die Blockade zuerst der französischen Häfen, dann weiter Teile der europäischen Küsten nur damit beantwortet, den Spieß umzudrehen und der Blockade von See her eine noch weiter gehende von Land her entgegen zu setzen. Doch die mit so viel Härte durchgesetzte, in alle Abkommen aufgenommene Kontinentalsperre hatte weiter reichend Zielsetzungen. Die Zeit Napoleons fällt ja in eine Phase ungeheuerer Entwicklung in Europa. Bevölkerungszahlen haben sich in kurzer verdoppelt und verdreifacht, die landwirtschaftliche industrielle Erzeugung in Manufakturen, aber noch viel mehr in „Produktionsverlagen" erreichte nie gesehene Erzeugungsmengen. So war es die eigentliche Idee, die eigentliche Wirtschaftspolitik hinter der Kontinentalsperre, die Länder Europas von englischen Importen unabhängig zu machen und möglichst schnell aus eigener Erzeugung zu versorgen. Doch hier sind die alten Diktaturen nicht mitgegangen - es ist fraglich, ob dieser Ansatz überhaupt verstanden wurde. Jedenfalls fühlte sich in Wien, Berlin, Moskau und in den kleineren Hauptstädten niemand bemüßigt, durchdachte Wirtschaftspolitik zu betreiben.

Wenn also die alten Diktaturen auch die Ideen der französischen Revolution – die man wiederum keinesfalls losgelöst sehen darf von der Amerikanischen Revolution und auch nicht vom Bespiel der Schweiz, sehr gut, sogar ganz ausgezeichnet ohne Monarchie zurecht kommen zu können - selbst nicht umbringen konnten, die ihnen dann in einem langen, schrecklich langsamen und blutigen Entwicklungslauf die Herrschaft entrissen haben. Lächerlich machen sich nur „Historiker", die nach der Niederwerfung Napoleons eine „vierzigjährige Friedenszeit" in Europa gesehen haben wollen. Die Schlachtfelder im griechischen Freiheitskampf um 1821, der russische Angriff auf die Türkei 1825, die brutale Ausweitung der englischen Kolonien, der Aufstand der Bevölkerung in Belgien, der Kampf der Polen gegen den russischen Zarismus, der italienische Kampf gegen die Habsburgerdiktatur bis 1848, die europaweiten Ereignisse 1848/49, der russische Einmarsch in Ungarn und die Ereignisse bis hin nach Solferino – all das war ja nur die Durchsetzung legitimer Ansprüche der gottgefälligen Majestäten! Oder?

In Europa haben sich jedenfalls inzwischen die positiven Errungenschaften der napoleonischen Ära weitgehend durchgesetzt: verfassungsmäßig fixierte Bürger- und Menschenrechte, Religionsfreiheit, die Zivilehe, freie Gewerbe und Landwirtschaftsreform auf Basis der Bauernbefreiung, staatliche, ideologisch unabhängige Schulen und Universitäten, unabhängige Gerichte, Steuerpflicht auch für Adel und Klerus.

Die Spätzeit Napoleons ist schwierig einzuschätzen, da der Krankheitsverlauf naturgemäß unbekannt, jedoch bereits durch längere Zeit zu beobachten ist. Vieles deutet darauf hin, dass er langsam auch an geistiger Leistungsfähigkeit verloren hat. Und die vielen Kriegszüge, die Verwundungen haben gesundheitliche Folgen hinterlassen. Das lange Jahre unglaubliche Arbeitstempo hat an Schwung verloren. Auch der häufige Verrat in seiner nächsten Umgebung hat menschlich an den Kräften und am Vertrauen gezehrt. In den ihm aufgezwungenen Kriegen blieb nur noch wenig Zeit, dass staatsmännische Genie, wahrscheinlich die ausgeprägtere Begabung des Mannes, zur Wirkung zu bringen. Die verfassungsmäßig bedenkliche Bemühung, eine neue Dynastie von „Imperatoren" zu festigen, ist zumindest auch, wenn nicht in erster Linie auf das schwindende Vertrauen in die bequem und korrupt gewordenen Weggefährten zurück zu führen.

Der Tod war dann ein sehr einsamer, im Gegensatz zu vielen anderen Machthabern menschlich bewegender. Das Vermächtnis sind seine Schriften. Und wenn man nach den unerträglich manipulativen und nachlässigen Publikationen bisher auch nicht ins andere Extrem fallen sollte – nämlich blindem Vertrauen wieder in seine eigenen Schriften, als könnte er der Versuchung der Beschönigung nicht erlegen sein -, so sollte angesichts der wissenschaftlich grotesken Qualität der meisten vorliegenden Darstellungen doch jeder, der sich mit Napoleon beschäftigt, zumindest auch seiner Seite Gehör schenken. Und sich aus der Erkenntnis der bis heute äußerst problematischen Geschichtsschreibung dieser Epoche ein gesundes Misstrauen gegenüber allen anderen historischen, noch so beworbenen, empfohlenen oder akademisch legitimierten Darstellungen mitnehmen.

Das Schlimmste an der unglaubwürdigen, keiner Überprüfung der Tatsachendarstellung standhaltenden Geschichtsschreibung über das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert ist aber gar nicht die Verfälschung dieser Themen selbst durch die derzeit aktuellsten Größen der akademischen Geschichtsforschung, denn damit ist heute kaum echter Schaden anzurichten. Restaurationsüberlegungen vereinzelter monarchistischer Nostalgiker sind europaweit heute kaum mehr als lächerlich, und auch die derzeit in unsinnigen Verfassungsdebatten und Erweiterungsplänen gefangene Europäischen Union wird möglicherweise in absehbarer Zeit so viel grundsätzliches Demokratieverständnis aufbringen, dass endlich generell alle Monarchien zur republikanischen Verfassung finden und ihre Operettenkönige enteignet und endgültig ins Ausgedinge der „Yellow Press" schicken.

Erschütternd ist vielmehr das aus der fehlenden Genauigkeit und Unparteilichkeit selbst der modernsten Geschichtsdarstellung resultierende Misstrauen, wie weit nicht auch in anderen, gar vielen anderen Bereichen der historischen Lehre und Forschung derartige Mängel, Oberflächlichkeit, Unkenntnis, Fehler in Quellenstudium und Recherche, Trägheit, Inkompetenz oder womöglich absichtliche Manipulation gegeben sind. Das Studium der Geschichte der napoleonischen Ära erschüttert die Fundamente der aktuellen Geschichtsforschung und verlangt nach einem Neubeginn.